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Innovationen im Trade Finance: Was Unternehmer jetzt wissen müssen

Ein Interview mit Enno-Burghard Weitzel

Wachsende geopolitische Instabilität, zunehmende Handelsspannungen und eine sich verlangsamende Weltwirtschaft – in diesem Umfeld bewegen sich Unternehmen heute. Unterschätzen sie die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf ihr Geschäft? Insights sprach mit Enno-Burghard Weitzel, Leiter Produktmanagement Trade Finance bei der Commerzbank, darüber, wie die Commerzbank ihre Firmenkunden bei der Bewältigung der schnellen Veränderungen im Handel unterstützt.

Lassen Sie uns mit einem allgemeinen Überblick beginnen: Welche Entwicklungen beobachten Sie im globalen Warenaustausch?

Enno-Burghard Weitzel: Zwar wächst die Weltwirtschaft weiter, aber in einem langsameren Tempo. Zudem agieren Unternehmen heute in einem zunehmend komplexen politischen und regulatorischen Umfeld. Hinzu kommen Handelsauseinandersetzungen, politische Instabilität, Sanktionen und Embargos.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Enno-Burghard Weitzel: Vor allem macht uns Sorgen, dass einige Unternehmen die Risiken erheblich unterschätzen, die sie bei bestimmten Transaktionen eingehen. Immer noch wächst beispielsweise die Zahl der Geschäfte, die Unternehmen mit offenen Rechnungen abwickeln, während die internationalen Bündnisse, und hier vor allem der WTO, z.B. durch die Handlungsfähigkeit des Schiedsgerichts, immer weniger Absicherung versprechen. Daher müsseten eigentlich risikomindernde Instrumente wie beispielsweise Akkreditive verstärkt eingesetzt werden. Hier sind die Banken gefragt, ihre Kunden bei der Reduzierung von Risiken zu unterstützen.

Wie geht die Commerzbank vor, um ihre Dienstleistungen für Firmenkunden zu verbessern?

Enno-Burghard Weitzel: Zum einen bauen wir gezielt unser Netz an Korrespondenten aus, um in bestimmten Regionen noch mehr Unterstützung zu bieten. Außerdem haben wir unsere bisherige Abteilungsstruktur aufgelöst und durch kleinere Cluster ersetzt. Sie bestehen aus Spezialisten unterschiedlicher Fachgebiete wie Business, Development und Operations. Dadurch wird agileres Arbeiten möglich. Der Vorteil für unsere Firmenkunden: Wir können ihre spezifischen Herausforderungen ganzheitlich, kreativ und effizient angehen.

Wandelt sich die gesamte Finanzbranche in der gleichen Weise?

Enno-Burghard Weitzel: Ganz allgemein sehen wir, dass sich immer mehr Banken von geschlossenen Systemen weg- und zu API-basierten Mikroservices hinbewegen. Dadurch lassen sich einzelne Produkte so miteinander verbinden, dass eine ganz neue Lösung entsteht – maßgeschneidert für jeden Kunden. Das erwähnte Clustermodell unterstützt solche Innovationen, indem es herkömmliche Abteilungsgrenzen auflöst, die neue Ideen oft im Keim ersticken würde. All diese Initiativen haben ein gemeinsames Ziel: unsere Services so weiterzuentwickeln, dass sie optimal auf die Bedürfnisse unserer Kunden zugeschnitten sind.

Bleiben wir bei der Weiterentwicklung Ihrer Services: Mit welchen technologischen Innovationen wollen Sie einen Mehrwert für ihre Firmenkunden schaffen?

Enno-Burghard Weitzel: Angesichts des geschilderten Umfelds, in dem unsere Firmenkunden tätig sind, müssen wir zur Abwicklung von Transaktionen schnellere Prozessabwicklung und innovativere Werkzeuge anbieten als zuvor. Aus diesem Grund engagieren wir uns so aktiv in der Marco-Polo-Initiative – einem Gemeinschaftsprojekt von Technologieunternehmen, weltweit führenden Finanzinstituten und deren Firmenkunden. Marco Polo bietet eine blockchain-basierte Lösung für den nahtlosen und sicheren Austausch von Daten und Vermögenswerten unter den Teilnehmern und bietet mit dem Marco Polo Payment Commitment eine Zahlungsabsicherung mit der zusätzlichen Möglichkeit der Finanzierung. Auf diese Weise treiben wir die Digitalisierung im Auslandsgeschäft mit Nachdruck voran.

So haben wir Anfang des Jahres gemeinsam mit der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) erstmals zwei Handelsgeschäfte zwischen dem internationalen Technologiekonzern Voith sowie dem führenden Pumpen- und Armaturenhersteller KSB SE über die Blockchain-Technologie abgebildet. Dabei handelte es sich zum einen um die Lieferung von hydraulischen Spezialkupplungen von Deutschland nach China und zum anderen um die Lieferung von Pumpen innerhalb Deutschlands. Erstmals wurde dabei auch der Logistikdienstleister Logwin AG direkt und in Echtzeit eingebunden. Über das Netzwerk wurden Verkaufs- und Lieferdaten vereinbart und die Zahlungsbedingungen durch eine unwiderrufliche Zahlungsverpflichtung abgesichert, die durch den automatisierten Datenabgleich von Logwin ausgelöst wurde. Diese Transparenz war nur durch intelligente Zusammenarbeit und technologische Weiterentwicklungen möglich. Die bahnbrechende Transaktion hat gezeigt, dass Marco Polo in der Lage ist, die unterschiedlichen Interessen der Beteiligten in das Supply-Chain-Netzwerk einzubeziehen – zum Nutzen unserer Firmenkunden.

Wo liegen die Prioritäten bei der Weiterentwicklung von Marco Polo?

Enno-Burghard Weitzel: Wir müssen verstärkt darauf achten, andere Beteiligte entlang der Lieferkette – wie Versicherer, Hafenbehörden und lokale Handelskammern – stärker einzubeziehen. So können unsere Kunden immer detaillierte Bedingungen für die Zahlungsverpflichtung direkt in den Vertrag definieren. So gewinnen alle Beteiligten einen besseren Überblick über detaillierte Handelsdaten der Transaktion, von der Feuchtemessung in Frachtcontainern bis hin zu den Einzelheiten des Versicherungsvertrags. Darüber hinaus kann die Zahlung an immer mehr Schritten der Transaktion automatisch ausgelöst werden.

Natürlich braucht es Zeit, um diese Detailtiefe zu erfassen sowie alle Daten von Drittparteien und Beteiligten in das Marco-Polo-Netzwerk zu migrieren. Langfristig profitieren alle Beteiligten von Investitionen in diese Infrastruktur, weil sie ganz genau aufzeigt, welche Kosten und zeitlichen Abläufe mit einer bestimmten Transaktion verbunden sind. Außerdem sinkt die Gefahr von Inkonsistenzen und Fehlern in der gesamten Lieferkette, was letztlich für Verkäufer und Käufer das Risiko von Verzögerungen oder Streitigkeiten reduziert.

All dies muss natürlich auf soliden juristischen und regulatorischen Grundlagen erfolgen, deren Etablierung Zeit braucht. Bisher erkennen beispielsweise Gerichte einen Eintrag in der Blockchain noch nicht als rechtliches Eigentum an der Fracht an. Unklarheiten gibt es auch noch über den Rechtsstatus von elektronischen Frachtbriefen. Auch wenn traditionelle papierhafte Prozesse noch längst nicht der Vergangenheit angehören: Die Fortschritte von Marco Polo – von der Gründung bis heute – sind beeindruckend. Es liegt in der Verantwortung der Banken, solche Initiativen mit aller Kraft zu unterstützen, um ihren Kunden weitere Vorteile zu sichern. Die Commerzbank bekennt sich dazu uneingeschränkt.

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