Die neue Seidenstraße

Die chinesische Belt and Road Initiative - Brückenschlag zwischen Ost und West

Die Belt and Road Initiative (BRI) verbindet die Länder entlang der historischen Seidenstraße. 2013 in China gestartet, strahlt dieses Megaprojekt jetzt immer stärker nach Mitteleuropa aus. Doch bringt der damit verbundene Ausbau der Infrastruktur auch mehr Wachstum und intensivere Handelsbeziehungen zwischen Europa und Asien? Insights sprach darüber mit den Commerzbank-Experten Agnes Vargas und Hans Krohn.






Agnes Vargas
Institutionals, Regional Head
China, East Asia and Pacific






Hans Krohn
Institutionals, Regional Head,
Russia and CIS

Das Interesse an der neuen Seidenstraße hat zuletzt in den Medien deutlich zugenommen. Gilt das auch für die geschäftlichen Perspektiven von Unternehmen?

Agnes Vargas: Trotz ihrer wachsenden Bekanntheit hat die BRI bisher weder in Deutschland noch in anderen Ländern Mitteleuropas die kleinen und mittleren Unternehmen erreicht. Das liegt vor allem daran, dass noch immer kaum konkrete Informationen zu einzelnen Projekten vorliegen. Nehmen Sie z.B. den deutschen Mittelstand: Er hat den guten Ruf der deutschen Ingenieurskunst maßgeblich geprägt und ist damit eigentlich dafür prädestiniert, an den großen Infrastrukturprojekten der BRI zu partizipieren. Und tatsächlich sind einige Mittelständler hier auch sehr aktiv. Aber es ist leichter gesagt als getan, sich an BRI-Projekten zu beteiligen. Trotzdem bleiben wir optimistisch, denn mit größerer Transparenz bei den Ausschreibungen wachsen auch die Chancen während der „zweiten Phase“ der BRI.

Was ist mit der „zweiten Phase“ gemeint?

Hans Krohn: Zurzeit befinden wir uns noch in der „ersten Phase“, die von großen Infrastrukturprojekten wie dem Bau von Häfen, Brücken und Eisenbahnlinien geprägt ist. In der „zweiten Phase“ werden sich die besseren Verkehrsverbindungen positiv auf den Handel auswirken. Auf dem Seeweg dauert es bisher etwa 30 Tage, bis chinesische Fracht Mitteleuropa erreicht. Mit den neuen Hochgeschwindigkeitszügen halbiert sich diese Transportzeit.

Agnes Vargas: Und das könnte den Handelsbeziehungen zwischen Asien und Europa neuen Schwung geben. Schauen wir uns Mittel- und Osteuropa, das Herzstück der BRI, an: Dort profitieren nicht nur die Länder im Osten. Bessere Verbindungen kurbeln auch die Zusammenarbeit mit Westeuropa an. Für Banken folgt daraus, dass sie ihre Kunden stärker bei der Markterschließung in bisher vernachlässigten Regionen unterstützen müssen.

Hans Krohn: In welchem Umfang die neu geschaffene Infrastruktur dem regionalen Handel zugutekommt, bleibt natürlich abzuwarten. Derzeit geht es vor allem um schnellere Transitrouten und weniger um die Stärkung des regionalen oder lokalen Handels.

Agnes Vargas: Auf der anderen Seite werden enorme Investitionen in die Infrastruktur zumindest auf längere Sicht zu höherem Wachstum führen.

Werden einige Länder mehr als andere profitieren?

Hans Krohn: Ich denke schon. So wird einer der Hauptnutznießer Kasachstan sein. Dort ist in den letzten Jahren der Khorgos Gateway entstanden, ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt rund um eine extra dafür gegründete Stadt in der kasachischen Wüste. Ganz ähnlich sieht es in Usbekistan aus, wo unter chinesischer Führung der erste Eisenbahntunnel des Landes entsteht: eine 19 Kilometer lange Passage durch das Qurama-Gebirge, Zentralasiens längste Bergkette.

Wenn wir uns die „zweite Phase“ der BRI anschauen, heißt einer der großen Gewinner sicherlich Weißrussland. Das Land wird nicht nur zur Drehscheibe für die Zugverbindungen von China nach Europa, sondern entwickelt sich auch zu einem Wirtschaftszentrum. So haben die chinesische und die weißrussische Regierung vereinbart, gemeinsam den Great Stone Industriepark in der Nähe der weißrussischen Hauptstadt Minsk zu entwickeln. Man zielt damit auf in- und ausländische Investoren vor allem aus dem IT- und Technologiesektor – zwei der boomenden Branchen des Landes. Der Bau des Industrieparks, der sich über eine Fläche von mehr als 100 Quadratkilometern erstreckt, orientiert sich zudem an Grundsätzen der Nachhaltigkeit, sodass er von den dort Beschäftigten auch gerne als ihr neues Zuhause angenommen wird.

Wie schätzen Sie die Chancen für Unternehmen ein, von der weiteren Umsetzung der BRI zu profitieren?

Agnes Vargas: Zunächst einmal wird vor allem Geduld gefragt sein. Die Chancen für den deutschen und europäischen Mittelstand wird es zweifellos geben, doch die Zeit ist noch nicht reif. Was wir als Bank aber heute schon tun können: Wir unterstützen kleine und mittlere Unternehmen dabei, sich internationaler aufzustellen und aktiver nach Partnern im Rahmen der BRI zu suchen. Das können auch chinesische Unternehmen sein, mit denen gemeinsam lokale Lösungen entwickelt und angeboten werden.

Hans Krohn: Hier kann gerade die Commerzbank konkret helfen. Das Memorandum of Understanding, das wir im Juli letzten Jahres mit der Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) abgeschlossen haben, unterstreicht unsere Bereitschaft, in den nächsten vier bis fünf Jahren Projekte im Rahmen der BRI mit einem Volumen von rund 5 Milliarden US-Dollar zu finanzieren.

Agnes Vargas: Es ist aber nicht nur die Finanzierung: Unsere Unterstützung geht weit darüber hinaus, denn wir verfügen sowohl über Kenntnisse der lokalen Märkte als auch über globale Reichweite. Wir sind in mehr als 50 Ländern entlang der neuen Seidenstraße mit Filialen oder Repräsentanzen vertreten. Dadurch können unsere Firmenkunden das ganze Potenzial der BRI für ihr Unternehmen nutzen – sowohl in Asien als auch in Europa.

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