Brexit: Darauf sollten Unternehmen nach dem Brexit achten

Gut dreieinhalb Jahre nach dem Referendum in Großbritannien war es so weit: Am 31. Januar 2020 ist das Vereinigte Königreich aus der Europäischen Union ausgetreten. Bis Ende dieses Jahres bleibt das Land noch im europäischen Binnenmarkt und in der Zollunion, sodass sich zunächst kaum etwas für Unternehmen und Menschen ändert. Nach dem Ende der Übergangsphase am 31. Dezember 2020 könnten allerdings neue Unsicherheiten auftreten.

Die Commerzbank hilft Ihnen dabei, sich auf die vom kommenden Jahr an möglichen Szenarien einzustellen. Das gilt für Kunden hierzulande ebenso wie für Kunden im Vereinigten Königreich.

Was bis zum Jahresende passieren soll

Der Austritt aus der Europäischen Union (EU) ist formal vollzogen, das britische Brexit-Ministerium wurde aufgelöst. Bis Ende des Jahres wollen beide Seiten Vereinbarungen über die künftigen Beziehungen beschließen. Im Mittelpunkt steht dabei ein Freihandelsabkommen. Großbritannien dürfte daran ein besonderes Interesse haben, da fast 50 Prozent seiner Exporte bislang ungehindert in die EU gingen. Einem Handelsvertrag muss auf europäischer Seite nur das Europaparlament zustimmen. Werden zudem Vereinbarungen beispielsweise über den Datenschutz, Dienstleistungen oder Finanzgeschäfte geschlossen, könnte auch ein Votum nationaler und zum Teil sogar regionaler Volksvertretungen notwendig werden.

Der Zeitrahmen für die Verhandlungen ist allerdings äußerst eng. Zum Vergleich: Die Gespräche über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada begannen 2009, erst im September 2017 trat es vorläufig in Kraft. Im Brexit-Vertrag ist vorgesehen, dass Großbritannien bis spätestens 1. Juli 2020 entscheiden kann, die Übergangsphase um ein oder zwei Jahre zu verlängern. Premierminister Boris Johnson lehnt das bislang kategorisch ab. Scheitern die Gespräche mit dem Vereinigten Königreich, droht erneut ein harter Brexit. Die Handelsbeziehungen würden dann auf Grundlage der Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) erfolgen – und die würden den Warenverkehr mit Zöllen belasten.

Was beiden Seiten besonders wichtig ist

Positiv: Auch nach der Übergangsfrist behalten in Großbritannien lebende EU-Bürger und in der EU lebende Briten ihre heute schon bestehenden Rechte auf Aufenthalt, Erwerbstätigkeit, Studium und Familiennachzug. Damit ist beispielsweise für deutsche Unternehmen sichergestellt, dass ihre deutschen Mitarbeiter weiterhin in Großbritannien arbeiten dürfen.

Die EU vertritt zudem den Standpunkt, dass es eine künftige Freizügigkeit für Waren und Dienstleistungen zwischen beiden Seiten nur dann geben kann, wenn es auch die Freizügigkeit für Arbeitskräfte gibt, d. h., dass Arbeitnehmer auch in Zukunft ohne Probleme überall in der EU und Großbritannien arbeiten können. London lehnt auch das kategorisch ab.

Einen Dämpfer bekamen die möglichen Gespräche über ein Handelsabkommen bereits vor deren Start. So betonte der britische Finanzminister Sajid Javid Anfang des Jahres, Großbritannien werde sich nach dem EU-Austritt und nach Ablauf der Übergangsfrist Ende 2020 nicht mehr an EU-Regeln halten. Ein freier Warenverkehr wäre damit obsolet.

Besonders umstritten sind neben der weiteren Gültigkeit von EU-Regeln Themen wie Datenschutz, Transport und Finanzbranche. So ist eine entsprechende Vereinbarung unbedingt notwendig, wenn Unternehmen Kundendaten zwischen Großbritannien und der EU austauschen wollen. Und obwohl die EU eine enge Verkehrsvernetzung mit dem ehemaligen Mitgliedsland anstrebt, soll Großbritannien keinen ungehinderten Zugang zum Luftverkehr in der Staatengemeinschaft bekommen.

Das Thema Finanzbranche soll nach dem Willen Brüssels auch aus dem Freihandelsabkommen herausgehalten werden. Hier will die EU nur dann den freien Zugang für in Großbritannien ansässige Finanzunternehmen gewähren, wenn dort äquivalente Regeln wie in der EU gelten.

Wie sich ein Scheitern der Verhandlungen auswirken würde

Für europäische Finanzdienstleister im Vereinigten Königreich hat die Regierung dort anders entschieden. Daher wird die Commerzbank in Großbritannien ihren Kunden nach heutiger Rechtslage selbst bei einem Scheitern der Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen und dem dann folgenden harten Brexit nahezu unveränderte Dienstleistungen anbieten können.

Bis zu drei Jahre nach dem Brexit können EU-Banken über ihre britischen Niederlassungen so wie bisher agieren. „Voraussetzung dafür ist aber, dass das Geldhaus für seine Niederlassung in London einen Antrag auf Erteilung einer Genehmigung als Drittstaatenniederlassung stellt. Die Commerzbank hat dies bereits im September 2018 getan. Wir erwarten, dass diese bis zum 31. Dezember 2020 genehmigt wird, so dass wir, vorausgesetzt, dass die Übergangszeit nicht verlängert wird, für den 1. Januar 2021 vorbereitet sind. An der generellen Aufstellung der Commerzbank als EU-Bank mit einer Niederlassung in London wird sich daher wenig ändern“, sagt Antje-Irina Kurz von der Rechtsabteilung der Commerzbank.

Auch auf das für bestimmte Hedging-Aktivitäten wichtige Clearing von Derivaten über zentrale Gegenparteien (CCPs) hat der Brexit zunächst keine Auswirkungen. Die European Securities and Markets Authority (ESMA) hat angekündigt, dass drei zentrale Gegenparteien mit Sitz in Großbritannien für ein weiteres Jahr bis zum 31. Januar 2021 anerkannt werden. Demnach dürfen CCPs wie das London Clearing House (LCH) EU-Banken weiterhin ihre Dienste anbieten. Allerdings müssen die CCPs in diesem Jahr eine Anerkennung als Drittstaaten-CCP bekommen, wenn sie auch noch vom 1. Februar des kommenden Jahres an für EU-Geldhäuser arbeiten wollen.

Verunsicherung könnte wieder zunehmen

Kristallisiert sich im Laufe dieses Jahres ein Scheitern der Verhandlungen über das Freihandelsabkommen heraus, dürfte die Verunsicherung aufseiten der Unternehmen, die mit Großbritannien Geschäftsbeziehungen haben oder dort produzieren, wieder zunehmen. Ein wiederkehrendes Thema bei Kundengesprächen ist die Absicherung von Währungsrisiken. „Ein harter Brexit wird meines Erachtens zu einer Abschwächung des Sterlings führen. Bereits vor und nach dem Referendum über den EU-Austritt hatte eine Abschwächung des Sterlings stattgefunden, Kosten für Devisenoptionsabsicherungen waren deutlich angestiegen“, sagt Dr. Michael Braun, Währungsexperte der Commerzbank. Momentan sei die Lage noch relativ entspannt. „Wenn es aber klar in Richtung eines harten Brexits gehen sollte, erwarte ich einen starken Anstieg der Optionsvolatilität und damit auch einen Anstieg der Absicherungskosten mittels Devisenoptionen“, betont Dr. Braun.

Bestandsaufnahme als Basis für eine Währungsabsicherung

In der Regel liege die Optionsvolatilität in Euro-Sterling bei 7 bis 8 Prozent, in der Zwischenzeit sehen wir allerdings Tiefststände in diesen Schwankungen, welche die Währungsabsicherung mit Devisenoptionen attraktiver gestalten. Grundsätzlich gilt: „Zunächst sollten Unternehmen eine Bestandsaufnahme machen“, sagt Währungsexperte Dr. Braun. „Inwieweit ändert der Brexit mein abzusicherndes Volumen? Was habe ich bereits abgesichert? Und sie sollten den Markt beobachten, um evtl. gewisse Absicherungen vorzuziehen, damit sie nicht in eine Phase kommen, in der der Markt sehr gestresst ist.“ Des Weiteren empfiehlt er: „Sprechen Sie uns an. Wir können dann die Risiken messen und mit Ihnen eine Absicherungsstrategie entwickeln.“ Gemeinsam mit Kollegen aus dem Research bietet die Commerzbank beispielsweise Informationsveranstaltungen per Telefon- oder Videokonferenz exklusiv für ihre Kunden an. Hierbei geht es sowohl um grundsätzliche Entwicklungen zum Thema Brexit als auch um individuelle Fragen des Unternehmens.

Die Aussichten für den Zahlungsverkehr

Entspannter als bei den Währungsrisiken zeigt sich das Bild beim Thema Zahlungsverkehr und beim sogenannten Cash Pooling. Martin Cordes, Leiter Payments Corporates & Innovation bei der Commerzbank, erwartet in der Abwicklung selbst bei einem harten Brexit kaum Veränderungen. Die britischen Banken haben beim European Payments Council (EPC) den Antrag auf Verbleib im SEPA-Zahlungsverkehr gestellt, und der EPC hat dem in seiner Sitzung vom 7. März 2019 zugestimmt. Damit kann SEPA -Zahlungsverkehr weiter abgewickelt werden. Die Commerzbank wird den erweiterten regulatorischen Anforderungen durch Vervollständigung der Zahlerdaten in Überweisungen begegnen. Unternehmen mit Lastschrifteinzügen von Zahlungspflichtigen in Großbritannien müssen als Auftraggeber die Zahlerdaten mitgeben und können sich hier entsprechend vorbereiten und bereits heute die Adressdaten für entsprechende Kunden in der SEPA-Datei zuspielen. Gegebenenfalls könnten auch etwas höhere Entgelte die Folge sein.

Für den Auslandszahlungsverkehr gelten ebenfalls Bedingungen wie für Drittländer – es müssen vollständige Zahlerdaten erfasst werden. Ein Vorteil für Commerzbank-Kunden: „Wir bieten seit einiger Zeit Echtzeit-Konvertierung im internationalen Zahlungsverkehr an“, sagt Cordes. Der Kunde ist nicht mehr von einem einmal am Tag festgelegten Referenzkurs abhängig – er weiß stattdessen immer genau, zu welchem Kurs Geldtransfers umgerechnet werden.

Cash Pooling – alles bleibt beim Alten

Cash Pooling ist ein konzerninterner Liquiditätsausgleich durch ein zentrales Finanzmanagement, der überschüssige Liquidität von Konzerngesellschaften zentral zusammenführt und Liquiditätsunterdeckungen ausgleicht. Hier erwartet die Commerzbank keine Veränderungen in der Abwicklung. Der Grund: Das Cash Pooling regelt jedes Land individuell. Es gibt dabei keine substanziellen Abhängigkeiten von EU-Gesetzen.

Verzögerungen einkalkulieren bei Warenlieferungen

Sollten Auslandsgeschäfte nach Großbritannien mit Akkreditiven abgesichert sein, gilt im Falle eines Scheiterns der Freihandelsgespräche: Die Vertragspartner sollten mögliche Verzögerungen bei den Warenlieferungen aufgrund der dann notwendigen Grenz- und Zollkontrollen einkalkulieren und vertraglich regeln. Außerdem haben Waren aus Großbritannien formal ihren Ursprung nicht mehr in der EU. Dies und die möglichen Verzögerungen sollten auch bei der Ausgestaltung von Akkreditiven berücksichtigt werden. Diese dadurch entstehenden Lieferengpässe bewirken auch eine Veränderung in den Forderungslaufzeiten. Das kann Einfluss auf die Bonität des Abnehmers haben. Höhere Lieferantenkredite führen bei Ausfall zu massiven Problemen.

Die gravierendsten Auswirkungen eines No-Deal-Brexits werden Unternehmen treffen, die Warenverkehr mit dem Vereinigten Königreich betreiben. Durch die dann notwendigen Grenz- und Zollkontrollen kann es zu den bereits beschriebenen erheblichen Verzögerungen kommen – inkl. entsprechend verspäteter Zahlungen für die gelieferten Waren. Das kann dann wiederum zu Liquiditätsengpässen bei den Lieferanten führen. Über weitere Absicherungsvarianten außer dem genannten Akkreditiv informiert der jeweilige Kundenberater.

„Der Brexit ist ein wirtschaftliches Eigentor Großbritanniens“

Peter Dixon, Großbritannien-Volkswirt der Commerzbank, zur künftigen Entwicklung nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union:

Herr Dixon, halten Sie es für realistisch, dass sich beide Seiten bis Ende des Jahres auf ein Freihandelsabkommen einigen?

Peter Dixon: Ich gebe Ihnen die typische Antwort eines Volkswirts: ja und nein. Es wird entscheidend davon abhängen, was für eine Art Freihandelsabkommen geschlossen werden soll. Ist es sehr umfangreich geplant und soll es die bestehenden engen Verbindungen replizieren, dann ist die Antwort ein klares Nein. Andere Länder haben zwischen fünf und sieben Jahre gebraucht, um mit der EU ein Handelsabkommen zu vereinbaren.

Die britische Regierung will sich aber künftig nicht mehr an alle EU-Vorschriften halten. Daher könnte ein Abkommen bis Ende des Jahres ratifiziert werden, das nur einige Produktkategorien beinhaltet, bei denen es eigentlich keine Unstimmigkeiten zwischen Großbritannien und der EU gibt, z. B. Autos und Medikamente. Ein solch eingeschränkter Vertrag würde zudem der britischen Regierung erlauben, zu sagen: „Seht, wir haben es bis zum Jahresende ohne eine Verlängerung der Übergangsphase geschafft.“ Sollte es der Johnson-Regierung aber nicht gelingen, alle für sie wichtigen Punkte zu regeln, könnte sie doch noch um eine Verlängerung bitten müssen.

Was ist entscheidend für erfolgreiche Verhandlungen bis Ende des Jahres?

PD: Beide Seiten müssen für die jeweils andere Position aufgeschlossen sein und nicht zu schnell rote Linien ziehen, die nicht überschritten werden dürfen. Mehr Harmonie statt Konfrontation könnte ein Erfolgsrezept sein.

Zudem sollte Großbritannien der EU möglichst schnell klarmachen, auf welchen Gebieten man vorrangig eine Einigung erzielen will. Das Land strebt einen möglichst freien Warenverkehr an, um Schwierigkeiten für die Wirtschaft zu minimieren. So funktioniert beispielsweise heute die Autoindustrie nur dann reibungslos, wenn Zulieferer Waren ohne Zölle hin- und herschicken können. Auch Lebensmittel und pharmazeutische Produkte sind wichtige Bereiche. Die britische Regierung sollte im Vorfeld der Verhandlungen ihre Rhetorik zurückfahren und lieber darauf achten, die Kosten für die Wirtschaft niedrig zu halten.

Sollten sich beide Seiten bis Ende des Jahres nicht auf ein Abkommen einigen, droht ein No-Deal-Szenario. Wie können sich Unternehmen aus Europa oder dem anderen Ausland darauf vorbereiten?

PD: Die Commerzbank erwartet nicht, dass es zu einem harten Brexit am Ende dieses Jahres kommen wird. Sollte es dennoch einen No-Deal-Brexit geben, kann sich ein Unternehmen kaum darauf vorbereiten. Wie schon im Vorjahr sollten natürlich die Lagerbestände möglichst hoch sein, damit bei Lieferschwierigkeiten keine Engpässe für die Produktion drohen. Das kann allerdings nur ein kleiner Schritt sein.

Unternehmen aus dem Ausland sollten sich eher generell fragen, warum sie weiterhin in Großbritannien tätig sein oder dorthin gehen wollen. Bisher hatte das Land beispielsweise etwas niedrigere Arbeitskosten als andere Länder der EU, zudem sind die Verhältnisse für Unternehmen sehr flexibel. Auch konnten Firmen hier produzieren und die Waren dann ohne Zölle in alle Mitgliedsstaaten der EU exportieren. Unternehmen aus den USA hatten in Großbritannien keine Sprachbarriere und ungehinderten Zugang zum gesamten EU-Binnenmarkt. Viele dieser Vorteile werden höchstwahrscheinlich künftig wegfallen.

Werden viele Unternehmen deshalb Großbritannien verlassen?

PD: Einige große, multinationale Unternehmen haben bereits ihren Europasitz auf den Kontinent verlegt und ich erwarte, dass sich dieser Trend langsam fortsetzen wird. Wir werden in Zukunft auf alle Fälle deutlich weniger ausländische Direktinvestitionen sehen. Die britische Regierung sollte erkennen, dass ein No-Deal-Szenario zu einer immensen Belastung für die heimische Wirtschaft werden kann. Daher hat die Johnson-Administration eigentlich ein großes Interesse daran, einen vertraglosen Zustand zu verhindern. Auch die EU will das. Positiv ist auch, dass im Vergleich zum Jahr 2019 die politischen Verhältnisse in Großbritannien jetzt geklärt sind.

Angesichts all dieser Risiken: Ist der Brexit nicht eher ein Eigentor der Briten?

PD: Auf alle Fälle. Die britische Wirtschaft betont seit Jahren, dass der EU-Austritt keines der wirtschaftlichen Probleme des Landes lösen wird. Der Brexit war nie ein wirtschaftliches Thema, sondern immer ein politisches.