Wie Unternehmen sich auf den Brexit vorbereiten können

Das britische Parlament hat den zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union (EU) ausgehandelten Vertrag zum EU-Austritt des Vereinigten Königreichs zunächst abgelehnt. Doch selbst jetzt droht nicht automatisch ein harter Brexit. Es gibt immer noch Chancen, sowohl den Brexit zu verhindern als auch für einen geregelten Austritt. Die Commerzbank hilft Ihnen dabei, sich auf jedes mögliche Brexit-Szenario einzustellen. Das gilt für Kunden hierzulande und für Kunden im Vereinigten Königreich.

Die möglichen Brexit-Szenarien

Die Unsicherheit über die Art und Weise des britischen Abschieds aus der EU dauert an. Unklar ist auch, wann überhaupt eine Entscheidung fallen wird. Die Volkswirte der Commerzbank sehen zurzeit fünf mögliche Szenarien:

Das Parlament stimmt einem geänderten Vertrag zu

Regierungschefin Theresa May gelingt es kurzfristig, in Neuverhandlungen mit Brüssel entscheidende Verbesserungen aus britischer Sicht durchzusetzen. Die Brexiteers und auch die für eine Mehrheit notwendigen Abgeordneten der nordirischen Partei DUP stimmen dem geänderten Vertrag zu. Am 29. März beginnt dann eine Übergangsfrist bis Ende 2020, in der nahezu alles weiterhin so gilt wie derzeit.

Antrag auf Verlängerung der Zweijahresfrist nach Art. 50 des EU-Vertrags

Großbritannien strebt eine Verlängerung der Zweijahresfrist nach Art. 50 des EU-Vertrags an. Der Grund dafür ist, dass das Vereinigte Königreich die Frist für den Austritt aus der EU am 29. März nicht einhalten kann. Eine solche Verlängerung wird voraussichtlich nur zeitlich begrenzt sein (z. B. drei Monate). Theoretisch wäre auch eine längerfristige Verlängerung möglich, dies würde jedoch wahrscheinlich bedeuten, dass Großbritannien an den Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai teilnehmen müsste, die politisch nicht populär wären.

Sobald das Ende der (ggf. verlängerten) Frist nach Art.-50 des EU-Vertrags erreicht ist, würde Großbritannien wahrscheinlich in die Übergangsperiode bis Ende 2020 eintreten. In diesem Zeitraum können die zukünftigen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU festgelegt werden. Ist eine Regelung, beispielsweise das Norwegen-Modell, gefunden, wird der umstrittene Backstop nicht mehr benötigt. Zwei Nachteile: Der EU-Austritt verschiebt sich um einige Jahre und das Vorbild Norwegen ist nicht das, was die Brexiteers anstreben. Norwegen zahlt an die EU, es gelten weiterhin die vier Grundfreiheiten des Binnenmarktes für Güter, Dienstleistungen, Kapital und Arbeit – gerade Letzteres wird von den Befürwortern des EU-Austritts abgelehnt.

Großbritannien nimmt den Antrag auf EU-Austritt zurück

Eine weitere, aber eher unwahrscheinliche Variante wäre, dass die Briten den Antrag auf einen EU-Austritt zurückziehen. Im Dezember 2018 hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass Großbritannien dies einseitig verkünden kann.

Am 29. März 2019 tritt das Vereinigte Königreich ohne Vertrag aus der EU aus; es kommt zu einem No-Deal-Brexit

Dieses Szenario hätte die potenziell weitreichendsten Folgen – sowohl für Großbritannien als auch für die Europäische Union. Ein Beispiel: Etwa 17 Prozent des britischen Handelsvolumens werden per LKW über Dover abgewickelt. 2017 wurden dort 2,6 Millionen LKW abgefertigt. Nach einem Brexit ohne Vertrag müssen Waren kontrolliert und Zölle erhoben werden. Nach Berechnungen der Commerzbank-Volkswirte würde eine Verzögerung von nur 30 Sekunden je LKW eine zusätzliche Bearbeitungszeit von 2,5 Jahren bringen. Die langfristigen Auswirkungen auf die Volkswirtschaften von Großbritannien und der EU und auf die Unternehmen würden gravierend sein.

Die Briten stimmen ein zweites Mal über den Brexit ab

Offiziell hat sich die britische Regierungschefin Theresa May klar gegen ein zweites Referendum ausgesprochen. Sollte es trotzdem dazu kommen, müsste das britische Parlament zunächst für eine neue Volksabstimmung votieren. In diesem Fall müsste die Zweijahresfrist dann voraussichtlich um mehr als drei Monate verlängert werden.

Welche Auswirkungen ein harter Brexit haben würde:

Die gute Nachricht zuerst: Die Commerzbank in Großbritannien wird Ihren Kunden nach heutiger Rechtslage selbst bei einem harten Brexit nahezu die unveränderten Dienstleistungen anbieten können. „Grundlage dafür ist das sogenannte Temporary Permissions Regime, das in Großbritannien verabschiedet wurde“, sagt Antje-Irina Kurz von der Rechtsabteilung der Commerzbank. Demnach gelten für Geldhäuser aus der EU auch nach einem vertragslosen Austritt Großbritanniens zunächst die Regeln, die gelten würden, wenn sie weiterhin den EU-Passport hätten.

Bis zu drei Jahre nach dem Brexit können die Banken so wie bisher agieren. „Voraussetzung dafür ist aber, dass das Geldhaus sich vor dem Brexit für das Temporary Permissions Regime registriert hat oder einen Antrag auf Erteilung einer britischen Banklizenz gestellt hat“, sagt Kurz. Die Commerzbank hat dies bereits im September 2018 getan.

Auch auf das für bestimmte Hedging-Aktivitäten wichtige Clearing über zentrale Gegenparteien (CCPs) hat ein harter Brexit keine Auswirkungen. Die EU-Kommission hat dazu einen Notfallplan veröffentlicht und konkrete Maßnahmen angekündigt, die auf eine Übergangsregelung hinauslaufen – auch im Fall eines harten Brexits. Demnach dürfen CCPs wie z. B. das London Clearing House (LCH), für zwölf Monate weiterhin EU-Banken ihre Dienste anbieten. Weder das Vereinigte Königreich noch die EU haben ein Interesse daran, dass es hier zu Marktfriktionen kommt. In diesem Zusammenhang haben sich die European Securities and Markets Authority (ESMA) und die Bank of England Anfang Februar 2019 darauf geeinigt, CCPs und Zentralverwahrstellen (CSD) in Großbritannien im Falle eines harten Brexits anzuerkennen.

Verunsicherung nimmt zu

Die Verunsicherung aufseiten der Unternehmen, die mit Großbritannien Geschäftsbeziehungen haben oder dort produzieren, nimmt wegen des drohenden No-Deal-Brexits zu. Ein wiederkehrendes Thema bei Kundengesprächen ist die Absicherung von Währungsrisiken. „Ein harter Brexit wird meines Erachtens zu einer Abschwächung des Sterlings führen. Bereits vor und nach dem Referendum über den EU-Austritt hatte eine Abschwächung des Sterlings stattgefunden, Kosten für Devisenoptionsabsicherungen waren deutlich angestiegen“, sagt Dr. Michael Braun, Währungsexperte der Commerzbank. Momentan sei die Lage noch relativ entspannt. „Wenn es aber klar in Richtung eines harten Brexits gehen sollte, erwarte ich einen starken Anstieg der Optionsvolatilität und damit auch einen Anstieg der Absicherungskosten mittels Devisenoptionen“, betont Dr. Braun.

Bestandsaufnahme als Basis für eine Währungsabsicherung

In der Regel liege die Optionsvolatilität in Euro-Sterling bei 7 bis 8 Prozent, in der Zwischenzeit werde sie aber auch schon weit höher gehandelt. Und was können Unternehmen dagegen tun? „Zunächst sollten sie eine Bestandsaufnahme machen“, sagt Währungsexperte Dr. Braun. „Inwieweit ändert der Brexit mein abzusicherndes Volumen? Was habe ich bereits abgesichert? Und sie sollten den Markt beobachten, um eventuell gewisse Absicherungen vorzuziehen, damit sie nicht in eine Phase kommen, in der der Markt sehr gestresst ist.“ Des Weiteren empfiehlt er: „Sprechen Sie uns an. Wir können dann die Risiken messen und mit Ihnen eine Absicherungsstrategie entwickeln.“ Gemeinsam mit Kollegen aus dem Research bietet die Commerzbank beispielsweise Informationsveranstaltungen per Telefon- oder Videokonferenz exklusiv für ihre Kunden an. Hierbei geht es sowohl um grundsätzliche Entwicklungen zum Thema Brexit als auch um individuelle Fragen des Unternehmens.

Die Aussichten für den Zahlungsverkehr

Deutlich entspannter als bei den Währungsrisiken zeigt sich das Bild beim Thema Zahlungsverkehr und beim sogenannten Cash Pooling. Martin Cordes, Leiter Payments Corporates & Innovation bei der Commerzbank, erwartet selbst bei einem harten Brexit kaum Veränderungen. So sieht der Europäische Zahlungsverkehrsausschuss (European Payment Council – EPC) ein abgestuftes Vorgehen für den EU-Austritt Großbritanniens vor. Verlässt das Vereinigte Königreich die EU, verbleibt aber im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), sind die britischen Geldhäuser weiterhin im SEPA-System. Verlässt das Land auch den EWR, würde eine mehrjährige Übergangszeit gelten. „Selbst bei einem harten Brexit könnten die britischen Banken auf einen Antrag hin weiter bei SEPA bleiben“, sagt Cordes. Diesen Anträgen würde nach heutigem Stand stattgegeben.

Sollte es wider Erwarten keinerlei Regelung geben, rechnet Cordes mit geringen Auswirkungen. So würden dann die Bestimmungen für den Auslandszahlungsverkehr gelten, was regulatorische Folgen – es müssten vollständige Zahlerdaten erfasst werden – aber auch etwas höhere Entgelte nach sich ziehen könnte. Ein Vorteil für Commerzbank-Kunden: „Wir bieten seit einiger Zeit Echtzeitkonvertierung im internationalen Zahlungsverkehr an“, sagt Cordes. Der Kunde ist nicht mehr von einem einmal am Tag festgelegten Referenzkurs abhängig, er weiß stattdessen immer genau, zu welchem Kurs Geldtransfers umgerechnet werden.

Cash Pooling – alles bleibt beim Alten

Beim Cash Pooling – das ist ein konzerninterner Liquiditätsausgleich durch ein zentrales Finanzmanagement, der überschüssige Liquidität von Konzerngesellschaften zentral zusammenführt und Liquiditätsunterdeckungen ausgleicht – erwartet die Commerzbank keine Veränderungen. Der Grund: Das Cash Pooling regelt jedes Land individuell. Es gibt hier keine substanziellen Abhängigkeiten von EU-Gesetzen.

Verzögerungen einkalkulieren bei Warenlieferungen

Sollten Auslandsgeschäfte nach Großbritannien mit Akkreditiven abgesichert sein, gilt im Falle eines harten Brexits: Die Vertragspartner sollten mögliche Verzögerungen bei den Warenlieferungen aufgrund der dann notwendigen Grenz- und Zollkontrollen einkalkulieren und vertraglich regeln, wie z. B. bei Akkreditiven.

Die gravierendsten Auswirkungen eines harten Brexits werden Unternehmen treffen, die Warenverkehr mit dem Vereinigten Königreich betreiben. Durch die dann notwendigen Grenz- und Zollkontrollen kann es zu den bereits beschriebenen erheblichen Verzögerungen kommen – inklusive entsprechend verspäteter Zahlungen für die gelieferten Waren. Das kann dann wiederum zu Liquiditätsengpässen bei den Lieferanten führen. Die Commerzbank bietet daher ihren Kunden einen sogenannten Brexit-Sofortkredit an. Er kann mit einer Laufzeit von bis zu sechs Monaten als Kontokorrentkredit beantragt werden. Über die genauen Konditionen informiert der jeweilige Kundenberater.

Was bei einem geregelten Brexit passiert

Bei aller Unsicherheit: Auch ein geregelter Brexit ist immer noch möglich. Die verbleibenden EU-Mitglieder haben dem ausgehandelten Vertrag zugestimmt. Wenn auch das britische und das Europäische Parlament das 585-Seiten-Werk absegnen, würde sich zunächst nicht viel ändern. Denn beide Seiten haben sich auf eine Übergangsphase bis Ende 2020 geeinigt, die bis Ende 2022 verlängert werden kann. Während dieser Zeit bleibt Großbritannien im EU-Binnenmarkt und in der Europäischen Zollunion. Zudem sollen in diesem Zeitraum die künftigen Beziehungen detailliert geregelt werden.

Auch nach der Übergangsfrist behalten in Großbritannien lebende EU-Bürger und in der EU lebende Briten ihre ihnen auch heute schon zustehenden Rechte auf Aufenthalt, Erwerbstätigkeit, Studium und Familiennachzug. Damit ist beispielsweise für deutsche Unternehmen sichergestellt, dass ihre deutschen Mitarbeiter weiterhin in Großbritannien arbeiten dürfen.

Für den Handel nach dem geregelten EU-Austritt gilt: Waren wie Spielsachen, Kleidung und Kosmetik, aber auch Medikamente und Medizinprodukte mit einer Produktzulassung dürfen auch nach Ende der Übergangsphase verkauft werden.