Wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas: Chancen und Risiken für Unternehmen

Nachhaltig „grüne“ Erholung in Lateinamerika? Commerzbank Insights sprach darüber mit Marcos Krepel, Senior Representative der Commerzbank in Argentinien

Im Juni 2020 entwickelte sich Lateinamerika zum globalen Epizentrum des COVID-19-Ausbruchs. Die Länder der Region mussten schnell handeln, um die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise abzumildern. Einige Monate später sprach Insights mit Marcos Krepel, Senior Representative der Commerzbank in Argentinien, über den aktuellen Stand der Dinge. Zur Sprache kamen auch die Anstrengungen, einen Aufschwung mit möglichst „grünen“, sprich nachhaltigen Elementen einzuleiten.

Welche aktuellen Entwicklungen beobachten Sie vor Ort?

Marcos Krepel, Senior Representative, Commerzbank in Argentina
Marcos Krepel, Senior Representative, Commerzbank in Argentina

Marcos Krepel: Ähnlich wie in vielen anderen Regionen befinden sich auch die Länder Lateinamerikas noch in der ersten COVID-19-Welle – und als Folge davon in einer wirtschaftlichen Rezession. Aber die entschlossenen Gegenmaßnahmen durch direkte Unterstützungsprogramme und die dadurch erreichte Stabilität der Finanzsysteme haben sich positiv ausgewirkt. In Teilen der Region zeichnet sich eine wirtschaftliche Erholung ab, die weitgehend parallel zur allmählichen Lockerung des Lockdowns verläuft. Brasilien und Mexiko, die volkswirtschaftlichen Überlegungen generell Vorrang vor strengen und langwierigen Lockdowns gegeben haben, sind derzeit anderen Ländern bei der wirtschaftlichen Erholung voraus.

Insgesamt war es beruhigend zu sehen, wie das Finanzsystem in der Region mit den wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 fertig geworden ist. Natürlich haben Regierungen, Aufsichtsbehörden und Banken aus vergangenen Krisen gelernt, sodass sie in den letzten Monaten weitgehend für die Zahlungsfähigkeit und Liquidität der Wirtschaftsakteure inklusive der Banken gesorgt haben. Die Bedeutung eines gut funktionierenden Finanz- und Bankensystems sollte als Katalysator für eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung in der gesamten Region nicht unterschätzt werden.

Wie haben sich die Handelsströme und das Kundenverhalten als Folge der Pandemie verändert?

Marcos Krepel: Natürlich wurde das Vertrauen in Partner und Märkte durch die Pandemie stark beeinträchtigt. Mittlerweile aber beginnt sich der Handel wieder zu erholen. Obwohl diese Erholung noch in den Anfängen steckt, deutet bisher kaum etwas auf eine Neuordnung der globalen Lieferketten hin.

Die wichtigste Erkenntnis ist, dass die Belebung eher durch eine Normalisierung als durch dramatische Veränderungen erfolgt. So erholt sich beispielsweise der Süd-Süd-Handelskorridor, der für Lateinamerika seit langem von enormer Bedeutung ist, schneller als andere Handelsrouten. China und seine Nachbarn gingen als erste in den Lockdown, und sie waren auch unter den ersten, die sich wieder öffneten. Für die Rohstoffexporteure Lateinamerikas war dies eine Initialzündung, die es ihnen ermöglichte, einen Teil ihrer Geschäfte schon früh wieder aufzunehmen.

Was das Verhalten unserer Kunden betrifft, so hat die Krise deren Risikobewusstsein deutlich erhöht. In einem derart unsicheren Umfeld ist es nur natürlich, dass Exporteure sicherstellen wollen, dass sie vertraglich vereinbarte Zahlungen rechtzeitig und in voller Höhe erhalten. So haben wir in der akuten Pandemie-Phase gesehen, wie sich Unternehmen vom Handel auf offener Rechnung verabschiedeten und stattdessen risikomindernde Handelsfinanzierungsprodukte nutzen – beispielsweise Akkreditive, den Sicherheitsanker überhaupt in Krisenzeiten, und Garantien.

Wie hat die Commerzbank ihre Kunden in der Region während der Pandemie unterstützt?

Marcos Krepel: Als Lateinamerika in den Lockdown ging, verunsicherte der ebenso steile wie plötzliche Einbruch von Nachfrage und Produktion unsere Kunden. Viele Unternehmen baten ihre Bankpartner um Unterstützung bei der Bewältigung kurzfristiger Liquiditätsengpässe, bei der Aufrechterhaltung von Kreditlinien und beim Risikomanagement des Tagesgeschäfts inklusive der Handelsgeschäfte.

Mit unseren Lösungen in den Bereichen Zahlungsverkehr, Trade Finance und Hedging von Risiken bieten wir den Akteuren im lateinamerikanischen Handel eine wirkungsvolle Unterstützung. Das gilt insbesondere für Kunden, die aus bestimmten Ländern Zentralamerikas und der Andenregion kommen oder Geschäftspartner in diesen Ländern haben – also Länder, die bereits vor der Pandemie wirtschaftliche Schwächen zeigten.

Auch wenn sich das Geschäft infolge von COVID-19 sicherlich verlangsamt hat: Durch unsere langjährige Präsenz, das Aufrechterhalten von Kreditlinien und unsere Expertise sind wir in der gesamten Region gut positioniert, um unsere Kunden weiterhin zu unterstützen. Ohne Frage tragen unsere Repräsentanzen vor Ort in der Region gerade im derzeitigen unsicheren Umfeld entscheidend zu mehr Kundennähe und einer besseren Kenntnis der Märkte bei.

Was können Unternehmen erwarten, die mit der Region Geschäfte machen wollen?

Marcos Krepel: Schon jetzt belebt sich der Handel allmählich – und das wird sich beschleunigen, sobald COVID-19 in der Region unter Kontrolle ist und die lateinamerikanischen Währungen gegenüber dem US-Dollar wieder an Wert gewinnen. Viel wird davon abhängen, ob Lateinamerika die „zweite Welle“ vermeiden kann und wie schnell Impfstoffe in der Region zur Verfügung stehen. Auch saisonale Aspekte stützen die Prognose einer weiteren Verbesserung des Umfelds für Unternehmen, die ihre Geschäftsbeziehungen mit Lateinamerika im nächsten Jahr ausbauen wollen.

Tempo und Ausmaß der wirtschaftlichen Erholung werden sich in der Region erheblich unterscheiden. Uruguay etwa war von dem Virus kaum betroffen und dürfte sich schneller erholen als zum Beispiel Argentinien. Chile und Peru litten zwar stärker unter der Pandemie, verfügten jedoch über mehr fiskal- und geldpolitischen Spielraum, um Ausgleichsmaßnahmen zu finanzieren – sie dürften sich 2021 gut erholen.

Mit Blick auf die Zukunft sind alle Augen auf die Strategien zur Konsolidierung der Haushalte in den Ländern der Region gerichtet: Wie schaffen sie es, die notwendigen Ausgaben zu finanzieren, ohne dabei ihre Kreditwürdigkeit aufs Spiel zu setzen? Denn davon hängen in den kommenden Jahren sowohl das Vertrauen der Märkte als auch das wirtschaftliche Umfeld ab.

Trotz aller Herausforderungen verfügen die Länder der Region nach wie vor über ein großes wirtschaftliches Potenzial. Sobald COVID-19 abklingt und sich die Devisenmärkte erholt haben, bietet selbst Argentinien, eines der schwächeren Länder in der Region, interessante Perspektiven in Sektoren wie Agrartechnologie, Öl und Gas, IT-Dienstleistungen und Nahrungsmittel. Dazu trägt auch die Regierung des Landes bei, die versucht, die Wirtschaft zu stabilisieren und die nationale Produktion anzukurbeln.

Überall in der Welt liegt der Fokus darauf, die angestrebte Erholung nachhaltig auszugestalten. Spielt aus Ihrer Sicht Nachhaltigkeit auch in Lateinamerika eine immer wichtigere Rolle?

Marcos Krepel: Auf jeden Fall. Nachhaltigkeit gewann schon vor der Pandemie an Bedeutung, und wir können davon ausgehen, dass sie ein wesentlicher Faktor bei der Erholung sein wird. Als Anbieter und Arranger von Unternehmensfinanzierungen und Risikokapital unterstützen viele Banken ihre Kunden beim Übergang zu nachhaltigeren Praktiken. Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend beim Aufschwung weiter verstärken wird.

Nachhaltige Finanzierungen werden in Lateinamerika weitgehend von multilateralen Banken angeboten. Sie vergeben in der Region nicht nur mittel- und langfristige Kredite, sondern stellen den Geschäftsbanken auch technisches sowie fachliches Wissen über grüne Finanzierungen zur Verfügung. So konnten wir bei einigen unserer Vorhaben einen besonderen Mehrwert dadurch schaffen, dass wir multilaterale Institutionen, die in der Region aktiv sind, eingebunden haben. In Argentinien hat die International Finance Corporation (IFC) in den letzten Jahren mehr als zwei Milliarden US-Dollar für nachhaltige Projekte im privaten Sektor bereitgestellt.

Seit kurzem fließen nachhaltige Geschäftspraktiken auch verstärkt in die Risikosteuerung von Finanzinstitutionen ein: Sie bauen spezielle Ressourcen auf, um die Umweltauswirkungen von Projekten und Transaktionen zu bewerten. Ich habe keinen Zweifel, dass solche Überlegungen hier zunehmend an Bedeutung gewinnen, wenn die Region sich erholt und dann neue Unternehmen sowie Investoren aus aller Welt für sich gewinnen will.

Wo sieht die Commerzbank ihren Platz, wenn es um die Unterstützung künftiger Geschäftsaktivitäten von Unternehmen in der Region geht?

Marcos Krepel: Als eine der führenden Außenhandelsbanken der deutschen Exportwirtschaft unterstützen wir unsere Kunden in den wichtigsten Exportmärkten – das ist seit der Gründung der Commerzbank vor über 150 Jahren Teil unserer DNA. Lateinamerika bringt alles für einen wirtschaftlichen Aufschwung im Jahr 2021 mit, wovon wiederum unsere Firmenkunden im In- und Ausland profitieren werden.

Unsere Rolle als erfahrener Bankpartner in der Region wird in den kommenden Monaten noch an Bedeutung gewinnen, um das Vertrauen unserer Kunden weiter zu stärken. Wir waren schon lange vor der Corona-Pandemie hier, und wir werden noch hier sein, wenn COVID-19 bereits Geschichte ist – immer mit einem Ziel: für Firmenkunden, die ein wirtschaftliches Interesse an Lateinamerika haben, maßgeschneiderte Lösungen bereitzustellen.