Finanzierungsmöglichkeiten für kleinere und mittlere Unternehmen (KMU)

Reinhard Haas, Head of DCM Loans, sowie Eoin Moore, Managing Director, Structured Asset Solutions und Dr. Christoph Thierolf, Head of M&A, bewerten die Chancen von drei zentralen Finanzierungsformen für KMU und den optimalen Finanzierungsmix

Seit der Krise sind viele Finanzierungsquellen durch die zurückhaltende Kreditvergabe der Banken und strengere Kapitaladäquanzregeln versiegt. Dies betrifft vor allem risikobehaftete Kreditnehmer und kleinere Unternehmen.

Besonders gilt dies für die bilaterale Kreditvergabe. Im März 2014* wiesen die Wirtschaftswissenschaftler Joseph Noss (BoE) und Priscilla Toffano (IMF) darauf hin, dass eine Verschärfung der Kapitalanforderungen um 1 %-Punkt zwangsläufig eine kurzfristige Rücknahme der Gesamtkreditvergabe um 1,2 - 4,5% sowie einen Rückgang des Kreditwachstums um 1,2 - 4,6% nach sich zieht*. Gleichzeitig sorgen die institutionelle Nachfrage nach Einkommensströmen, eine äußerst lockere Geldpolitik und die Bemühungen der Europäischen Kommission um Finanzierungsmöglichkeiten für europäische Unternehmen dafür, dass die den kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) Europas auf dem gesamten Kontinent zur Verfügung stehenden Finanzierungsquellen intakter sind als noch vor wenigen Jahren.

Im Folgenden werden sowohl die Chancen von drei zentralen Finanzierungsformen für KMU als auch deren Einsatz zur Erreichung eines optimalen Finanzierungsmix bewertet.

Auf der sicheren Seite im Kreditnehmermarkt – Reinhard Haas, Head of DCM Loans

Negative Anleiherenditen und ein Mangel an echten Renditechancen sorgen in einigen Segmenten des europäischen Marktes für syndizierte Kredite für einen Boom. Commerzbank Research-Berichten zufolge ist der Markt für den Schuldschein in den vergangenen fünf Jahren um 50% gewachsen. Der Schuldschein ist in mindestens einem Dutzend europäischer Länder verfügbar.

Neben dem wachsenden europaweiten Rentenfondsmarkt präsentieren sich institutionelle Investoren wie Versicherer und Pensionskassen als alternative Finanzierungsquellen. Darüber hinaus etablieren sich Mischprodukte wie das französische Placement Privé Européen – europäische Privatplatzierungen risikobehafteter Unternehmen zu attraktiven Konditionen – am Investorenmarkt, der derzeit noch auf französische Versicherer begrenzt ist. Sowohl vonseiten französischer Banken als auch der französischen Regierung sind jedoch Bestrebungen im Gange, die Zielgruppe dieser Papiere deutlich auszuweiten.

Wie sich kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) Finanzierungen sichern können

Für KMU bieten sich im Markt für syndizierte Kredite zwar immer mehr Finanzierungsmöglichkeiten, doch das nicht ohne Risiko:

Zum einen drängen neue Teilnehmer auf den Markt und erheben Anspruch auf Marktanteile, zum anderen tun sich KMU, die die Erwartungen der Investoren und Kreditgeber nicht erfüllen können, weiterhin schwer.

Folgende Faktoren sind für faire und realistische Finanzierungsbedingungen im Markt für syndizierte Kredite aus KMU-Sicht entscheidend:

• Investoren verstehen – Insbesondere in den exportorientierten deutschen, skandinavischen und niederländischen Märkten sind viele Unternehmen nicht nur bei ihren Geschäfts-, sondern auch bei ihren Finanzierungsmöglichkeiten global orientiert. Regionale KMU laufen hingegen Gefahr, mit ihrem Risikoprofil und ihrer Wettbewerbsfähigkeit an Attraktivität für mögliche Investoren und Kreditgeber einzubüßen. Bei Familienunternehmen kommt erschwerend hinzu, dass sie nur selten die Transparenz- und Kommunikationsstandards bedienen, die Investoren erwarten. KMU jedoch, die diese Standards mit aktuellen Zahlen, umfassender Berichterstattung und einer überzeugenden Darstellung ihrer Strategie erfüllen und darüber hinaus den Sinn und Zweck der Finanzierung glaubhaft darlegen können, dürfen auf einen größeren Pool an Finanzierungsmöglichkeiten zugreifen und unter Umständen mit niedrigeren Finanzierungskosten rechnen.

• Realistische Laufzeitgestaltung – Grundsätzlich gilt die alte Faustregel: Je länger die Laufzeit, desto anspruchsvoller die Konditionen. Eine auf zehn oder mehr Jahre angelegte Finanzierung bietet zwar Konditionssicherheit, doch sofern man nicht von einem mittel- bis langfristigen, deutlichen Zinsanstieg oder einer künftig – aus welchen Gründen auch immer – schwierigeren Finanzierungssituation ausgeht, sind kurze Laufzeiten nicht nur günstiger, sie bieten auch mehr Flexibilität. Bei Unternehmen mit höherem Risikoprofil dürfte sich dies in der Preisgestaltung und den sonstigen Konditionen widerspiegeln – falls nicht, ist Vorsicht geboten. Produkte mit Konditionen, die deutlich von denen des übrigen Marktes abweichen, sind nur selten nachhaltig.

• Attraktive Finanzierungskonditionen, aber auch zuverlässige Partner – In einem dynamischen Finanzierungsumfeld sollten sich Kreditnehmer vor neuen Marktteilnehmern, die mit aggressiven Konditionsangeboten auf den Markt drängen und sich, sobald sich die makroökonomischen Bedingungen zu ihrem Nachteil verändern, schnell zurückziehen, in Acht nehmen. Dies war nach der Finanzkrise in vielen europäischen Märkten zu beobachten. Wo eine zuverlässige, langfristige und wiederholbare Finanzierung gewünscht ist, sind personell gut ausgestattete Banken mit einer langfristigen Präsenz im Markt sowie einer soliden Erfolgsbilanz in der Beratung von KMU über alle Marktzyklen hinweg zu empfehlen.

Ausblick für die Konditionsentwicklung bei syndizierten Krediten

Ereignisrisiken können sich durch mehrere Faktoren verschärfen, doch da seitens der Europäischen Zentralbank kurzfristig nicht mit drastischen Änderungen an der Geldpolitik zu rechnen ist, halten wir deutliche Preiskorrekturen oder ein Nachlassen des Investoreninteresses an der Kreditvergabe für unwahrscheinlich.

Ganz im Gegenteil: Da sich viele internationale Banken an diesem – noch weitgehend unerschlossenen – Markt stärker engagieren möchten, könnte innerhalb des Spektrums der Anleihemärkte die Kreditvergabe an europäische KMU in den nächsten Jahren die stärksten Zuwachsraten verzeichnen.

Für KMU auf der Suche nach wettbewerbsfähigen Finanzierungen sind das gute Neuigkeiten. Trotzdem bleibt eine umsichtige Bewertung der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten das A und O.

*Quelle: Estimating the Impact of Changes in Aggregate Bank Capital Requirements During an Upswing, Bank of England Working Paper No. 494

Ergänzende Möglichkeiten für die Investitionsfinanzierung – Eoin Moore, Managing Director, Structured Asset Solutions

Leasingfinanzierungen sind als komplementäre Finanzierungsquelle etabliert. Viele KMU setzen nicht mehr nur auf klassische Bankkredite, wenn es um die Finanzierung von Investitionen geht. In jüngster Zeit nimmt die Bedeutung von Leasingfinanzierungen weiter zu. Einer Studie von Oxford Economics aus dem Juli 2015 zufolge setzen 50 % aller befragten europäischen KMU auf Leasingfinanzierungen. 2010 waren es nur rund 40 %.

Zur Popularität der Leasingfinanzierung trägt ihre Verlässlichkeit bei, die sie in den Jahren nach der Finanzkrise unter Beweis gestellt hat. Trotz der nun wieder besseren Verfügbarkeit von Bankdarlehen sind KMU die Vorteile diversifizierter Finanzierungsquellen in der Zwischenzeit bewusst geworden.

Die Vorteile einer Leasingfinanzierung

Für Unternehmen aller Größenordnungen sind Leasingfinanzierungen ein wertvoller Bestandteil des Finanzierungsmix, doch besonders attraktiv sind sie für kleinere Unternehmen, die aufgrund ihrer Expansionspläne Finanzierungsbedarf haben und ihre Cashflows flexibel steuern wollen.

Die größten Vorteile, die Leasingfinanzierungen für KMU bieten, sind:

• Verfügbarkeit – Da der zu finanzierende Vermögenswert als Sicherheit dient, können Leasingfinanzierer auch dort aktiv werden, wo andere Kreditgeber sich zurückziehen, oder attraktivere Konditionen anbieten. Für KMU mit einer häufig nur begrenzten Kredithistorie ist dieser Vorteil nicht zu unterschätzen. Darüber hinaus kann fast alles leasingfinanziert werden – und das schon ab einem Transaktionswert von 1.000 €.

• Optimierung von Cashflow und betriebsnotwendigem Kapital – Eine Leasingfinanzierung deckt 100 % der Anschaffungskosten eines Vermögenswerts ab. Der Kreditnehmer zahlt die Finanzierung über die Lebensdauer des Assets ab – gegebenenfalls mit Mitteln, die durch selbiges generiert werden, was kleineren Unternehmen mehr Spielraum für Wachstumsfinanzierungen verschafft.

• Sicherheit – Aufgrund der Langfristigkeit der Finanzierungszusage gelten Leasingfinanzierungen unter KMU oftmals als sicherer im Vergleich zu kurzfristigeren Überziehungskrediten und Bankkrediten.

• Assetrisiken abgeben – Operating-Leasing- und Mietkaufverhältnisse sind eine kostengünstige Lösung für KMU, die einen Vermögenswert nicht bis zum Ende seiner Nutzungsdauer halten werden. Probleme, die aus der Eigentumsübernahme entstehen könnten, werden damit von vornherein eliminiert. Die Möglichkeit, Dienstleistungen wie Wartung, Versicherung und grundsätzlich alle mit dem Vermögensgegenstand einhergehenden Notwendigkeiten über das Leasing abzudecken, ist für kleinere Unternehmen unter Umständen ebenfalls äußerst attraktiv.

Leasingzugang

Der Zugang zu Leasingfinanzierungen erfolgt für KMU über den Verkäufer, das Filialnetz einer Bank bzw. eines Leasinggebers oder über einen Makler. Die wichtigsten Anbieter von Leasingfinanzierungen für KMU sind nach wie vor Banken, auf die entweder direkt oder über den Verkäufer des Vermögenswerts zugegriffen werden kann. Doch auch unabhängige Leasinggesellschaften spielen im KMU-Markt eine immer wichtigere Rolle. Die Finanzierungsbedingungen dieser unabhängigen Leasinggeber haben sich in den letzten Jahren verbessert, wodurch der Markt hohes Wachstumspotenzial bietet und die Verfügbarkeit von Leasingoptionen für kleinere Unternehmen erhöht. So hat jüngst die Commerzbank für mehrere unabhängige Leasinggesellschaften in Großbritannien strukturierte Finanzierungen bereitgestellt, wodurch diese Unternehmen die Expansion ihres Leasingportfolios beschleunigen und britischen KMU deutlich mehr Finanzierungen zur Verfügung stellen konnten.

Ergänzung der Bankfinanzierung

Leasingfinanzierungen ersetzen Bankdarlehen oder den Kreditmarkt nicht generell, aber sie bieten eine hochgradig flexible Ergänzung. Ein Unternehmen, das sorgfältig abwägt, welche Vermögenswerte per Leasing erworben werden können, optimiert seine Cashflows und spart sich andere Finanzierungskanäle für die Betriebsmittel oder anderen Finanzierungsbedarf auf. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass dieses für KMU mittlerweile unverzichtbare Finanzierungsinstrument an Bedeutung weiter zunehmen wird.

M&A – ein dynamischer Markt mit vielfältigen Finanzierungsmöglichkeiten – Dr. Christoph Thierolf, Head of M&A

Im ersten Halbjahr 2017 sind die globalen M&A-Aktivitäten um 8,4 % auf US$ 1,5 Billionen gegenüber dem Vorjahreszeitraum in 2016 gestiegen. Und, auch wenn niedriger als im Jahr zuvor, so markierte 2016 doch bereits das zweithöchste Volumen an M&A-Aktivitäten seit 2007.

Der Löwenanteil entfiel dabei auf größere Transaktionen, doch auch Small- und Midcap-Unternehmen leisteten in Zeiten barmittellastiger Bilanzen, extrem niedriger Zinsen und einem breiten Zugang zu diversen Finanzierungsquellen einen spürbaren Beitrag.

Akquisitionsfinanzierung

Kleinere, nicht börsennotierte und nicht geratete Unternehmen finanzieren Akquisitionen in der Regel über Barmittel. Aber auch ohne entsprechende Überschüsse in der Bilanz stehen wachstumsstarken KMU mit soliden Cashflow-Prognosen ihrer M&A-Pläne vielfältige Alternativen zur Verfügung. Einige Beispiele:

• Revolvierende Kredite – Revolvierende Kredite werden in der Regel von Hausbanken und mit fünfjähriger Laufzeit gewährt. Sie sind die flexibelste aller Finanzierungslösungen und bieten sich bei Transaktionen mit Aussicht auf rasche Rückzahlung an. Sind gestaffelte Tilgungszahlungen gewünscht, werden revolvierende Kredite häufig mit anderen Schuldarten wie Privatplatzierungen kombiniert.

• Privatplatzierungen – Privatplatzierungen eignen sich für Transaktionen von 25 bis 250 Mio. Euro, bei denen die Tilgung in frühestens sieben Jahren abgeschlossen sein wird. Bei Laufzeiten von über zehn Jahren sind zusätzliche Kreditauflagen nötig, doch bei Standards wie dem deutschen Schuldschein ist es für bonitätsstärkere Unternehmen möglich, darauf zu verzichten und die Dinge einfach zu halten.

• Europäische Anleihefonds – Im Rahmen der europäischen Kapitalmarktunion wurden Anleihefonds eingeführt, um die Finanzierungslandschaft für europäische Unternehmen diverser zu gestalten. Damit ist es alternativen Investmentfonds nun möglich, auch ohne Banklizenz Kredite auszugeben. Da Pensionskassen und Versicherer mit klassischen Anleihen nur schwer die Rendite generieren, die sie brauchen, ist das Investoreninteresse an dieser neuen Anlageform groß. Darüber hinaus deckt sie viele verschiedene Assets und Volumina ab, von vorrangigen Krediten bis zu Mezzanine-Finanzierungen, von revolvierenden Kreditlinien bis zu verbrieften Schuldtiteln.

Bei einer optimalen Finanzierungslösung stehen die möglichen Erträge der geplanten Akquisition, das mit der Akquisition einhergehende Risiko und die dafür notwendige Verschuldung im Gleichgewicht. Besonders wichtig: Der Verschuldungsgrad eines Unternehmens muss sich auch nach der Fremdkapitalaufnahme zur Akquisitionsfinanzierung innerhalb der Sektornorm bewegen.

Gute Zeiten voraus

Viele Unternehmen messen der anhaltenden wirtschaftlichen Unsicherheit mittlerweile weniger Bedeutung zu und konzentrieren sich stattdessen auf ihre strategischen Ziele. Deshalb ist trotz erhöhter geopolitischer Risiken und potenzieller Volatilität an den Währungs-, Rohstoff- und Kapitalmärkten auch im zweiten Halbjahr 2017 und in 2018 mit einem M&A-freundlichen Umfeld zu rechnen.

Darüber hinaus entwickelt sich der M&A-Zyklus weiter. Früher zückten Unternehmen erst nach einer längeren Wachstumsperiode die Brieftasche, doch heute – in einem schnelllebigen, digital geprägten Umfeld – zeigt sich der Markt auch dann unkritisch, wenn Start-ups bereits in einer frühen Wachstumsphase Allianzen schmieden möchten, um beispielsweise Innovationen einkaufen, neue Produkte anbieten oder neue Märkte erschließen zu können. Dies gilt im Übrigen sowohl für traditionelle Sektoren wie den Maschinenbau als auch für IT- oder Fintech-Unternehmen: In jeder Branche hält man Ausschau nach Innovationen, die künftiges Wachstum verheißen.

Das Investoreninteresse an der Finanzierung strategischer Akquisitionen durch europäische KMU ist hoch und wird durch Initiativen wie die europäische Kapitalmarktunion noch verstärkt. Auch wenn es nach wie vor an den Unternehmen selbst ist, den Markt von der Notwendigkeit ihrer M&A-Pläne, aggressiver Synergien und Tilgungsperioden zu überzeugen, stehen ihnen zur Finanzierung erfinderischer, kluger und durchdachter Akquisitionen vielfältige Möglichkeiten zur Verfügung.

Quelle: Mergermarket

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